Blog | Fliegenfischen mit Herz

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Bachforelle im Kescher, schonend im Wasser gelandet

Entnahmefenster statt starrem Brittelmaß

Julian Huber Ausnahmebewilligung der BH Schwaz für die Steinberger Ache.

Im Juli 2026 hat die Bezirkshauptmannschaft Schwaz unsere fischereirechtliche Ausnahmebewilligung verlängert: In den Fischereirevieren Steinberger Ache und Schwarzbach dürfen Bachforellen ab 22 cm entnommen werden. Drei Zentimeter unter dem tirolweit geltenden Brittelmaß von 25 cm.

Im ersten Augenblick klingt das, als würden wir die Population größerem Druck aussetzen. In Wirklichkeit ist es aber die Anpassung an die lokalen Gegebenheiten in der Steinberger Ache, die zwischen 820 und 1500 m Seehöhe liegt. Ziel eines Mindestmaßes ist ja nicht, dass der Angler weiterfischen darf, bis er einen Fisch in Pfannengröße erwischt, sondern der Schutz der natürlichen Reproduktion. Das Mindestmaß sollte also so gewählt sein, dass jeder Fisch, der sich unter den Herausforderungen des Gewässers bewährt hat, mindestens einmal die Chance erhält seine Gene weiterzugeben.

Dazu muss man verstehen, wie schnell Bachforellen wachsen und ab wann (z.B. Alter oder Größe) sie geschlechtsreif werden.

Was ein Brittelmaß leisten soll

Nach § 32 Abs. 1 Tiroler Fischereigesetz 2020 legt die Landesregierung Schonzeiten und Mindestfangmaße fest, um den Bestand zu sichern. Das Brittelmaß ist dabei eine Stellvertretergröße für Laichreife: Es wird jene Länge gewählt, ab der man davon ausgehen kann, dass der Fisch laichreif ist und zumindest einmal an der Reproduktion teilgenommen hat.

Da sich Tirol über sehr viele Höhenstufen und entsprechend Fischregionen erstreckt, wurde hier mit 25 cm für Bachforellen eine Zahl gewählt, die möglichst überall eine Reproduktion ermöglichen soll. Fische in den Tallagen wachsen jedoch deutlich schneller als in einem kalten, nährstoffarmen Gebirgsbach.

Andere Länder staffeln deshalb nach Höhenlage und Gewässer. Ein Vergleich:

  • Baden-Württemberg: 25 cm allgemein, aber nur 20 cm in Fließgewässern über 800 m ü. NN – und 35 cm am Hochrhein. Schonzeit 01.10. – 28.02.
  • Bayern: 26 cm, Schonzeit 01.10. – 15.03.
  • Tirol: 25 cm landesweit, Schonzeit 01.09. – 15.03.
  • Steinberg: 22 cm aufgrund der Ausnahmebewilligung, befristet bis 31.12.2027.

Die gesetzlichen Schonmaße sind eine verbindliche Untergrenze, die grundsätzlich nicht unterschritten werden darf. Ausnahmen kann die Bezirksverwaltungsbehörde nach § 32 Abs. 5 Tiroler Fischereigesetz 2020 auf Antrag bewilligen, sofern es keine andere zufriedenstellende Lösung gibt und die Population in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet in einem günstigen Erhaltungszustand verbleibt. Vor der Erlassung ist der Fischereirevierausschuss zu hören. Genau so eine Ausnahme ist unser Bescheid.

Wie schnell wachsen Bachforellen?

Das Wachstum von Bachforellen variiert stark je nach Habitat. Hier soll es vor allem um Bachforellen gehen, die auch ihr Leben lang in einem Fließgewässer verbleiben. Das Wachstum von See- und Meerforellen sollte sich aber in den ersten Jahren vor der Abwanderung ähnlich verhalten. Mehr dazu gibt es hier.

Eine grobe Orientierung, basierend auf den bei Arslan et al. (2007) zusammengefassten Studien. In der Fischbiologie gibt man die Altersklassen mit einer (X+) Notation an, wobei das X für die Anzahl der vollendeten Lebensjahre steht. Ich versuche das auch immer am Wasser mitzudenken. Statt Größen auf den cm zu messen oder zu schätzen, zähle ich im Kopf mit, wie viele Fische welchen Alters ich gefangen oder gesehen habe. In einem gesunden und natürlichen Bestand sollten das viel mehr 0+ als 1+ sein und so weiter.

  • Im ersten Jahr (0+): Die Larven schlüpfen im Frühjahr und erreichen bis zu 10 cm.
  • Im zweiten Jahr (1+): Typischerweise 11 bis 18 cm.
  • Im dritten Jahr (2+): 15 bis 25 cm. Viele Forellen werden hier geschlechtsreif.
  • Ab dem vierten Jahr (3+): 19 bis 29 cm oder mehr, je nach Bedingungen. In produktiven Gewässern geht es deutlich schneller. Der Wachstumsschub hängt oft auch daran, dass eine neue Nahrungsquelle erschlossen wird – nämlich Kleinfisch (Jonsson et al. 1999). Hier fängt nach der Abwanderung von See- und Meerforellen auch das Abwachsen zu kapitalen Größen an.

Folgende Grafik ist aus den Tabellen aus der Studie von Arslan et al. (2007) generiert, die die durchschnittliche (Median) Länge je Altersklasse von 23 Studien zusammengetragen und mit eigenen Messungen verglichen haben.

Mittlere Länge je Altersklasse in 23 europäischen Bachforellenbeständen, mit den Schwellen 22 und 25 cm

Die Spannweite ist enorm: Im spanischen River Ucero misst eine Forelle nach zwei Jahren schon knapp 28 cm, im türkischen Aksu Stream auf 2800 m nach sieben Jahren gerade einmal 21,7 cm. Dieselbe Länge bedeutet je nach Gewässer ein völlig anderes Alter. Zudem fällt auf, dass nicht alle Bestände mit einem hohen Alter gesegnet sind. Bei einigen Daten wurden keine Fische älter als drei Jahre erfasst. Nach fünf bis sechs Jahren enden fast alle Linien. Einen wirklich guten Vergleich zu Steinberg gab es in der Studie nicht, aber als Orientierung ist ein subalpiner Fluss in Norwegen grün eingefärbt. Hier würde das Tiroler Brittelmaß von 25 cm nur von den mindestens fünfjährigen Tieren erreicht werden, welche in der Alterspyramide nur sehr selten vorkommen würden.

Wie wird das Alter überhaupt ermittelt?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzen Otolithen, kleine Ohrsteine im Kopf des Fisches, um deren Alter zu ermitteln (Murphy & Willis 1996). Diese bilden durch die saisonalen Wachstumszyklen Jahresringe ähnlich wie Bäume: schnelles Wachstum im Sommer, langsames im Winter. Unter dem Mikroskop lassen sie sich auszählen. Gegenüber Schuppen oder Flossenstrahlen sind Otolithen präziser, besonders bei älteren Fischen. Für uns am Wasser heißt das: Ohne Labor bleibt es eine Schätzung. Größe und Gewässerbedingungen geben aber gute Hinweise.

Was das Wachstum steuert

Verbringt eine Bachforelle ihr ganzes Leben im Süßwasser, hängt ihr Wachstum vor allem an drei Faktoren: Wassertemperatur, Fischgröße und Nahrungsaufnahme. In kühlen, sauerstoffreichen Gebirgsbächen wächst sie langsamer als in wärmeren Flüssen; in nährstoffarmen Gewässern bleibt sie klein.

Die Höhenlage bündelt diese Faktoren. Parra et al. (2009) haben für europäische Bestände gezeigt, dass die Länge im ersten Lebensjahr (0+) systematisch mit der geografischen Breite abnimmt – und im zweiten Jahr (1+) zusätzlich mit der Seehöhe. Die beiden Formeln lauten, mit der geografischen Breite x in Grad Nord und der Seehöhe z in Metern:

  • Länge 0+ in cm = 13,53 − 0,130 · x
  • Länge 1+ in cm = 25,25 − 0,230 · x − 0,00006 · x · z
Erwartete Länge der Altersklassen 0+ und 1+ nach dem Modell von Parra et al. (2009) in Abhängigkeit von der Seehöhe

Eine zweisömmrige Forelle, die auf 600 m noch 12,6 cm misst, kommt auf 1500 m im Mittel auf rund 10 cm. Das passt auch gut zum oberen Bild der anderen Studie. Die meisten 1+ befinden sich in diesem Bereich. Wichtig: Das Modell ist eine Vereinfachung, die alle oben genannten Faktoren auf die Höhe reduziert und gilt für die Altersklassen 0+ und 1+. Es ist eine Näherung über viele europäische Bestände hinweg, kein Ersatz für eine Bestandserhebung im eigenen Bach. Bei einem Blick in die Grafik oben sehen wir: In der Altersklasse 1+ liegen noch viele Bestände zwischen 10 und 12,6 cm. Hier ist der Unterschied noch klein. Einige Bestände erreichen jedoch dann bereits im dritten Jahr die 25 cm, während andere weit darunter bleiben.

Ab wann sind Bachforellen fortpflanzungsfähig?

Die Geschlechtsreife hängt von Alter und Größe ab. Männchen reifen oft früher (ab 2 Jahren, bei 18–20 cm), Weibchen ab 3–4 Jahren (bei 20–25 cm oder mehr), beschrieben etwa bei Dieterman et al. (2016). In den dort untersuchten Flüssen werden nur wenige Bachforellen älter als drei Jahre – und schaffen trotzdem eine erfolgreiche Reproduktion.

Für die Steinberger Ache gibt es dazu eine lokale Zahl: Laut der Bestandserhebung von Popp (2020) zitiert in Bezirkshauptmannschaft Schwaz (2026) werden die Bachforellen dort schon ab einer Größe von rund 15 cm laichreif. Dieser Wert ist das Scharnier der ganzen Argumentation und er liegt zehn Zentimeter unter dem allgemeinen Brittelmaß. Wenn wir noch als Referenz wieder den Bach S1 aus der ersten Grafik annehmen, hätten die Forellen noch bis zu drei Laichzeiten, bis sie das Maß von 22 bzw. 25 cm erreichen. Ganz ehrlich muss man sagen, über vier Jahre und 20 cm werden hier nur Ausnahmefische.

In einem solchen Bestand schützt ein Maß von 25 cm nicht mehr die Reproduktion. Diese ist bis dahin längst gelaufen. Faktisch verhindert es aber jede Entnahme und damit die sinnvolle Bewirtschaftung des Gewässers. Zu oft gilt nämlich nur als schützenswert, was nutzbar ist; und wer möchte ein Gewässer bewirtschaften, in dem nie ein Fisch entnommen und nur ganz selten jenseits der 25 cm gefangen werden kann. Wir sagen ja, auch das ist schützenswert! Für jeden, der das auch so sieht, ist das reduzierte Brittelmaß eine Möglichkeit auch Gebirgsflüsse attraktiver für die Befischung zu machen und sie dadurch auch besser zu schützen.

Die Daten aus Steinberg

Der Bescheid stützt sich auf Daten einer Gewässerzustandsüberwachung (GZÜV) in der Steinberger Ache aus dem September 2025. Hier zeigte sich eine natürliche Populationsstruktur mit hohem Eigenaufkommen. Aber auch nur ein geringer Prozentsatz der gefangenen Bachforellen war länger als 22 cm.

Was daraus folgt:

Erstens: Das allgemeine Brittelmaß wirkt in unseren Revieren wie ein faktisches Entnahmeverbot. Nur wenige Fische erreichen es.

Zweitens: Ein 22er ist bei uns kein Jungfisch. Bei Laichreife ab 15 cm und dem für die Höhenlage typischen Wachstum hat dieser Fisch nicht nur die erste Laichsaison hinter sich, sondern in aller Regel mehrere.

Drittens: Die Regelung läuft bereits seit 2023. Die Befischung 2025 fand also nach zweieinhalb Jahren Entnahme ab 22 cm statt und zeigt trotzdem eine natürliche Populationsstruktur mit hohem Eigenaufkommen. Kein Besatz und Entnahme gehen also zusammen. Selbst mit verringertem Brittelmaß.

Der zweite Rand: das Fenster nach oben

Bis hierher ging es nur um die Untergrenze. Ein Entnahmefenster hat aber zwei Ränder und der obere ist der, den wir selbst in der Hand haben.

Die Befischungsdaten sagen ja nicht nur "22 cm ist vertretbar". Sie sagen auch: Fische über 25 cm sind bei uns extrem selten. Genau diese wenigen großen Tiere tragen überproportional zum Laichgeschäft bei – die Eizahl steigt mit der Länge des Weibchens deutlich an (Elliott 1994), und große, alte Fische haben über Jahre hinweg bewiesen, dass ihre Gene zum Gewässer passen.

Unsere Empfehlung ist deshalb kein Mindestmaß, sondern ein Fenster: entnehmen zwischen 22 cm und etwa 25 cm, alles darüber schonend zurücksetzen. Die Ausnahmebewilligung öffnet die Untergrenze, den oberen Rand ziehen wir freiwillig, weil ihn kein Bescheid zieht. Wenn man sich die Daten anschaut, könnte man die Sorge bekommen, dass es bei uns keine kapitalen Fische gibt. Die in den Studien berichteten Daten sind jedoch immer Mittelwerte, die die Streuung und Ausreißer nach oben (und unten) nicht abbilden. Fische jenseits der 25 cm kommen vor, sind aber sehr selten und haben mehrere Jahre Lebenserfahrung. Entsprechend schwer sind sie zu überlisten.

Bachforelle im Kescher: schonend im Wasser gelandet und abgehakt

Quellen

  • Arslan, M., Yıldırım, A., Bektaş, S. & Atasever, A. (2007): Growth and mortality of the brown trout (Salmo trutta L.) population from upper Aksu Stream, Northeastern Anatolia, Turkey. Turkish Journal of Zoology 31(4), 337–346.
  • Bezirkshauptmannschaft Schwaz (2026): Fischereireviere 8042 Steinberger Ache und 8043 Schwarzbach; Entnahme von Bachforellen unter festgelegtem Brittelmaß; fischereirechtliche Ausnahmebewilligung. Bescheid GZ SZ-FI-ANS-2/6-2026 vom 16.07.2026.
  • Dieterman, D. J., Walker, T. S., Cochran, P. A. & Konsti, M. (2016): Reproductive traits of Brown Trout in two contrasting streams of southeast Minnesota. North American Journal of Fisheries Management 36(3), 465–476.
  • Elliott, J. M. (1994): Quantitative ecology and the brown trout. Oxford University Press.
  • Jonsson, N., Næsje, T. F., Jonsson, B., Saksgård, R. & Sandlund, O. T. (1999): The influence of piscivory on life history traits of brown trout. Journal of Fish Biology 55(6), 1129–1141.
  • Murphy, B. R. & Willis, D. W. (1996): Fisheries techniques. American Fisheries Society, Bethesda.
  • Parra, I., Almodóvar, A., Nicola, G. G. & Elvira, B. (2009): Latitudinal and altitudinal growth patterns of brown trout Salmo trutta at different spatial scales. Journal of Fish Biology 74(10), 2355–2373.

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Der Lech wird ein Stück freier

Der Lech wird ein Stück freier

Julian Huber Fluss des Jahres 2026 – und flussabwärts fällt das Steinkorsett

Der Lech hat die Wahl zu Österreichs Fluss des Jahres 2026 gewonnen. Hoffentlich habt ihr das in unserem Newsletter gelesen und abgestimmt. Beim erstmals durchgeführten WWF-Online-Voting standen neun Flüsse aus allen Bundesländern zur Wahl, ausgewählt von einer Fachjury nach ökologischem Zustand, Artenvielfalt, Gefährdung und Schutzbedarf.
Platz zwei ging an die Schwarze Sulm, Platz drei an den Kamp.

Was den Tiroler Lech besonders macht, ist genau das, was anderswo verloren
gegangen ist: Er darf sich noch bewegen. Seitenarme, wilde Ufer und Kiesbänke,
die bei jedem Hochwasser neu umgelagert werden. Daraus entsteht das Mosaik aus
Rinnen, Kolken und Flachwasser, das Arten wie den Flussuferläufer und die streng
geschützte Deutsche Tamariske (eigentlich ein ziemlich unscheinbares Gestrüpp) überhaupt erst möglich macht. Und das dieselbe
Struktur schafft, die auch Fische in jedem Lebensstadium brauchen. Unter Druck steht das System trotzdem: An einem Zurbinger, dem naturnahen Namlosbach ist derzeit die Ableitung eines Großteils des Wassers Richtung Rotlechspeicher geplant. Hier könnt ihr mit eurer Stimme die Bürgerinitiative dagegen unterstützen.

Wer am Lech einmal fischen möchte, ist bei Wolfgang Schweißgut von
Lech Fly Fishing in guten Händen – und
mit unserer Lech-Box bestens
ausgerüstet.

Licca liber: zurück zur Eigendynamik

Auch flussabwärts erfährt der Lech zunehmend Wertschätzung. Im bayerischen
Projekt Licca liber soll er zwischen Staustufe 23 und der Mündung in die Donau abschnittsweise aus seinem Steinkorsett befreit werden und wieder eigendynamisch fließen. Eine sehr schöne Vorher-Nachher-Visualisierung des ersten Planungsabschnitts findet ihr auf der Projektwebsite.

Bemerkenswert ist die Begründung. Das ist hier nicht nur Naturschutz, sondern
Schadensbehebung: Die Begradigung vor rund 150 Jahren hat den Flusslauf verkürzt, die Fließgeschwindigkeit erhöht und damit das Geschiebe abgetragen, das die Sohle stabilisiert. Der Lech tieft sich seither ein. Die Folgen treffen alle – sinkende Grundwasserspiegel, gefährdete Trinkwasserversorgung, Trockenschäden in Forst- und Landwirtschaft, instabile Uferböschungen und Risiken für die Standsicherheit von Brücken und Staustufen. Gleichzeitig soll die Bewertung des ökologischen
Potenzials nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie von „mäßig" auf „gut" steigen.

Wir drücken die Daumen, dass das ein voller Erfolg wird – und als Beispiel für
weitere Flussabschnitte dient. Auch für den Inn.

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Vom Hecht, der nicht mehr wegschwamm

Vom Hecht, der nicht mehr wegschwamm

Julian Huber Ab welcher Wassertemperatur man nicht mehr fischen sollte und warum Naturfische Hitze besser wegstecken.

Gestern früh begrüßt mich ein Arbeitskollege, der noch kein Fliegenfischer ist, mit einer Geschichte, die er selbst als bittersüß bezeichnet.

Letzte Woche, heißer Nachmittag, noch schnell raus auf den See, wo auch unser Boot liegt. Auf Hecht schleppen. Dass die Hitze nicht nur den Salmoniden zusetzt, ist ihm durchaus bewusst, aber es wird schon gehen. Schnell drillen, nicht aus dem Wasser nehmen, man kennt sich ja eh aus.

Und dann passiert es. Kurz vor Schluss steigt der Hecht ein, von dem man sonst höchstens träumt, wenn man den Schwedenurlaub plant. Weit über einen Meter, ich habe die Bilder selbst gesehen. Für solche Ausnahmefische gilt an diesem See ein Rücksetzgebot, es gibt ein Entnahmefenster.

Aller Behutsamkeit zum Trotz: Der Fisch schwimmt nicht mehr aus eigener Kraft vom Boot weg.

Mein letzter heißer Sommertag auf dem See.

Das sollte uns eine Warnung sein. Es gibt beim Fischen Temperaturgrenzen Sie gelten besonders dann, wenn wir den gefangenen Fisch nicht entnehmen wollen oder schlicht nicht dürfen.

Die Sauerstoffschere

So hat es der Tiroler Fischereiverband in seinem Instagram-Reel genannt:  Mit steigender Temperatur löst sich weniger Sauerstoff im Wasser, während der Fisch als wechselwarmes Tier gleichzeitig mehr davon braucht. Letztendlich erstickt der Fisch bei zu warmen Wasser. Besonders, bei körperlicher Anstrengung und Stress, wie der Drill eines Meter-Hechts.

Dass es wirklich am Sauerstoff hängt und nicht an der Temperatur selbst, sieht man am schönsten in der Fischzucht. Dort wird Sauerstoff aktiv eingebracht. Unter diesen Bedingungen kann man Becken deutlich wärmer fahren als im Bach – und die Fische fressen und wachsen sogar schneller, weil der Stoffwechsel auf Touren läuft. Im Experiment nahmen Bachforellen bei starker Sauerstoffübersättigung noch zwischen 25 und 28 °C Nahrung auf. Solche Bedingungen sind allerdings in der Wildnis nicht realistisch.

Im Gewässer gibt es diesen künstlich eingebrachten Sauerstoff nicht. Besonders perfide: Wenn der Sauerstoff ausgeht steigt der Laktatpegel, wie wir es z.B. vom Treppen-Steigen kennen. Unter anhaltendem Sauerstoffmangel kann der Fisch dieses kaum noch abbauen. Deshalb sterben viele zurückgesetzte Fische nicht im Kescher, sondern Stunden bis Tage später.

Wo und wann man misst

Wir sollten uns also vor dem Fischen bewusst machen, wie warm das Wasser ist. Am Bach ist die Sache einfach: Turbulentes Fließwasser ist gut durchmischt, ein Wert genügt. Sinnvoller Weise in der Strömung und wenn möglich mehrmals am Tag. Zwischen 15 und 18 Uhr erreicht die Wassertemperatur oft ihr Maximum. Wer um 9 Uhr 15 °C misst, fischt um 17 Uhr womöglich bei 21 °C.

Am See interessiert uns vorallem die warme Deckschicht an der Oberfläche. Im Sommer liegt diese über der Sprungschicht, darunter bleibt es kühl. Entscheidend ist die Temperatur dort, wo der Fisch gedrillt wird und sich erholen muss, also an der Oberfläche.

Vorher nachschauen, statt umsonst zu fahren

Wer eine Stunde oder mehr Anfahrt hat, sollte die Entscheidung nicht erst am Wasser treffen. Die Hydrographischen Dienste messen an vielen Pegeln neben Wasserstand und Abfluss auch die Wassertemperatur, meist stündlich und frei abrufbar:

  • Tirol: Hydro Online – Wasserstand, Durchfluss und Wassertemperatur an ausgewählten Stationen. Die übrigen Bundesländer haben eigene Portale, österreichweit gebündelt über eHYD.
  • Bayern: GKD Bayern – eigene Rubrik „Wassertemperatur der Flüsse", stündliche Werte, CSV-Download.
  • Schweiz: hydrodaten.admin.ch – Karte mit rund 80 Temperaturmessstellen.

Wann stellen wir das Fischen ein?

Bei den Salmoniden ist die Datenlage am besten: Oberhalb von rund 18 °C steigt die Rücksetzsterblichkeit steil an, und Temperatur und Luftexposition wirken dabei nicht additiv, sondern verstärken einander.  Keep Em Wet sollte eigentlich Standard sein, ist jetzt aber besonders wichtig!

Beim Hecht ist die Studienlage dünner; die international gängige Faustregel für Hecht und Muskie liegt bei etwa 24 °C, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass Großfische das größte Risiko tragen. Genau die also, die unter ein Entnahmefenster fallen.

Barsch, Karpfen, und Wels hingegen kommen auch noch mit Wassertemperaturen um die 28 °C und können Ausweichziele sein.

Warum Naturfische besser damit klarkommen

Die Bachforelle ist eine der anpassungsfähigsten Fischarten überhaupt. Dies gilt aber nicht für den einzelnen Fisch, der mit Temperaturschwankungen nur schlecht zurechtkommt, sondern für die Fischart Bachforelle und ihre genetische Anpassungsfähigkeit an verschiedene Umweltbedingungen.

Bestände unterscheiden sich genetisch in ihrer Temperaturtoleranz, teils schon auf wenigen Flusskilometern, und in Untersuchungen an Schweizer Populationen zeigen genau jene Genabschnitte Selektionsspuren, die mit oberer Temperaturtoleranz zu tun haben.

Plakativ: Man stelle sich vor, man nimmt einen Stamm aus einem Gebirgssee (wie unsere Tiroler Urforelle) und setzt ihn in einen spanischen Bach. Die Art ist zwar dieselbe. Aber die spanische Population hat zehntausend Jahre lang gelernt, mit Sommerhitze und Niedrigwasser umzugehen und die Anpassungen Generation um Generation weiter-vererbt. Der Gebirgssee-Stamm hingegen hat gelernt, wie man ein kurzes, kaltes Jahr optimal ausnutzt. Diese natürliche Zuchtauswahl auf die jeweiligen Umweltbedingungen macht das Überleben in richtigen Habitat überhaupt erst möglich, würde aber zu sehr geringen Überlebenschancen im falschen Gewässer führen.

Genau das passiert im Kleinen bei jedem Besatz mit beliebigem Material. In mediterranen Flüssen gehört die Einkreuzung atlantischer Zuchtstämme heute zu den stärksten negativen Faktoren für Bestandsdichte – neben der Sommertemperatur selbst. Zuchtfische werden auf Wachstum und Handhabbarkeit selektiert, in konstant kühlem, sauerstoffgesättigtem Wasser. Auf Hitzetoleranz selektiert dort niemand. Und wenn sie ins Gewässer kommen, kennen sie die Kaltwasserrefugien nicht – Quellaustritte, Zubringermündungen, tiefe Kolke –, die Wildfische gezielt aufsuchen.

Kurz: Besatz ist keine Antwort auf ein Temperaturproblem. Beschattung, Restwasser und der Schutz der Kaltwasserzutritte sind es.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob langsames Einkreuzen hitzetoleranter Wildbestände die Klima-Wandel-Anpassung verschnellern kann. Zu Chancen und Risiken hierzu gibt es aber meines Wissens noch keine Forschung.

Quellen

Ayllón, D., Blasco Hernanz, S., Nicola, G. G., Elvira, B., & Almodóvar, A. (2025). Mediterranean brown trout catch-and-release recreational fisheries might not be sustainable under concurrent climate warming and hydrological change. Hydrobiologia, 852(3), 659–672. https://doi.org/10.1007/s10750-024-05713-0

Borgwardt, F., Unfer, G., Auer, S., Waldner, K., El-Matbouli, M., & Bechter, T. (2020). Direct and indirect climate change impacts on brown trout in Central Europe: How thermal regimes reinforce physiological stress and support the emergence of diseases. Frontiers in Environmental Science, 8, 59. https://doi.org/10.3389/fenvs.2020.00059

Brownscombe, J. W., Ward, T. D., Nowell, L., Lennox, R. J., Chapman, J. M., Danylchuk, A. J., & Cooke, S. J. (2022). Identifying thresholds in air exposure, water temperature and fish size that determine reflex impairment in brook trout exposed to catch-and-release angling. Conservation Physiology, 10(1), coac070. https://doi.org/10.1093/conphys/coac070

Elliott, J. M., & Elliott, J. A. (2010). Temperature requirements of Atlantic salmon Salmo salar, brown trout Salmo trutta and Arctic charr Salvelinus alpinus: Predicting the effects of climate change. Journal of Fish Biology, 77(8), 1793–1817. https://doi.org/10.1111/j.1095-8649.2010.02762.x

Hampuwo, B., Duenser, A., & Lahnsteiner, F. (2025). Effects of elevated temperature on gene expression, energy metabolism, and physiology in brown trout, Salmo trutta. Conservation Physiology, 13(1), coaf025. https://doi.org/10.1093/conphys/coaf025

Jungwirth, M., Haidvogl, G., Moog, O., Muhar, S., & Schmutz, S. (2003). Angewandte Fischökologie an Fließgewässern. Facultas.

Keller, I., Taverna, A., & Seehausen, O. (2011). Evidence of neutral and adaptive genetic divergence between European trout populations sampled along altitudinal gradients. Molecular Ecology, 20(9), 1888–1904. https://doi.org/10.1111/j.1365-294X.2011.05067.x

Klefoth, T., Kobler, A., & Arlinghaus, R. (2008). The impact of catch-and-release angling on short-term behaviour and habitat choice of northern pike (Esox lucius L.). Hydrobiologia, 601(1), 99–110. https://doi.org/10.1007/s10750-007-9260-5

Rocaspana, R., Alcaraz, C., & Aparicio, E. (2026). Brown trout (Salmo trutta) abundance and biomass in Mediterranean rivers: Environmental, genetic, and management drivers. Fishes, 11(4), 217. https://doi.org/10.3390/fishes11040217

Vornanen, M., Haverinen, J., & Egginton, S. (2014). Acute heat tolerance of cardiac excitation in the brown trout (Salmo trutta fario). Journal of Experimental Biology, 217(2), 299–309. https://doi.org/10.1242/jeb.091272

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Der Rissbach bekommt einen neuen Pächter

Der Rissbach bekommt einen neuen Pächter

Julian Huber Die Natur soll so bleiben wie sie ist, unberührt und vollkommen.

Bereits 1928 verordnet, ist der Naturpark Karwendel das älteste Schutzgebiet Tirols. Der Rissbach liegt in diesem wunderbaren Naturpark. Die Natur soll dort leiben wie sie ist, unberührt und vollkommen. Das verlangt Fischen, Bewirtschaftern und Fischern einiges ab. Aber es lohnt sich!

Anfang 2016 stellt sich Martin der Herrausforderung den Rissbach neu aufzubauen. Das bedeutete in einem bis dahin als schwierig geltenden Gewässer eine gesunde und reproduktionsfähige Population von Salmoniden und Koppen zu etablieren, die so stabil ist, dass sie sowohl Naturereignissen wie Hochwässern als auch Befischungsdruck Stand hält.

Mit großem Stolz haben wir ihn all die Jahre ohne Besatz geführt. Den kein Besatzfisch hat die gut ausgeprägten Instinkte der Naturforellen, die sich seit jeher den rauen Bedingungen dieses Wildflusses angepasst haben. Während Besatzfische zuvor bei jedem Frühjahrshochwasser wieder ausgeschwemmt wurden, konnten wir ohne die zusätzliche sommerlich Konkurrenz durch Besatzfische zügig wieder einen selbstreproduzierenden Stamm von Bachforellen etablieren um die regionale Genetik der Fische zu schützen.

Ein Juwel, wie es kaum ein zweites gibt

Der Rissbach schlängelt sich über 30 km durch die Landschaft des Karwendels und verbindet Tirol mit Bayern. Viel Geschiebe und wildes Wasser verlangen den Bachforellen einiges ab, sie haben wenig Zeit, sich für den Winter vorzubereiten und Eier für den Fortbestand der Art zu produzieren. Trotzdem reproduzieren sich Forellen selbst, in den perfekten Strukturen dieses einen der letzten unverbauten Wildflüsse Tirols. Genau diese Wildheit, dieses ungezähmte, verästelte System aus Flussarmen und Schotterinseln, macht den Rissbach zu einem echten Naturjuwel und zu einem der schönsten Reviere, die wir führen durften.

Eine genaue Erfassung der Fänge half uns dabei, den Aufbau der Population den Ergebnissen der Analysebefischungen durch die ÖBF gegenüberzustellen. Das Ergebnis hat uns jedes Mal aufs Neue gefreut: Trotz des schwierigen Lebensraumes erhalten wir am Rissbach einen Naturfischbestand mit perfektem Populationsaufbau, ganz ohne Zutun des Menschen.

Ein neues Kapitel für den Rissbach

Nun wandert die Fischereipacht am Rissbach wiedereinmal in neue Hände. Seit Frühjahr 2026 hat Jean-Pierre Vollrath von der Fliegenfischerschule Oberbayern. Er hat sich auf 10 Jahre verpflichtet, dieses nachhaltige Programm weiterzuführen und sich für die autochthonen Fischbestände im Rissbach einzusetzen.

Das freut uns von Herzen. Der Rissbach ist zu kostbar, um ihn irgendjemandem zu übergeben, dem nicht dasselbe am Herzen liegt wie uns: ein Fluss, der leben darf, wie es die Natur vorgesehen hat. Wir wünschen Jean-Pierre alles Gute für diese Aufgabe und freuen uns, wenn der Rissbach weiterhin ohne Besatz und im Sinne seiner ursprünglichen Fischbestände geführt wird.

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Nachruf für die Heuschrecken am Tiroler Inn

Nachruf für die Heuschrecken am Tiroler Inn

Julian Huber Warum ein Fluss Platz braucht – und was das für unsere Fliegendose bedeutet

Am 20. Juli 2026 hat der WWF eine Erhebung veröffentlicht, die man als Fliegenfischer nicht überlesen sollte: Drei für Wildflüsse charakteristische Heuschreckenarten sind am Tiroler Inn nicht mehr nachweisbar. Türks Dornschrecke, Kiesbank-Grashüpfer und Gefleckte Schnarrschrecke finden sich im ganzen Einzugsgebiet nur noch an der Ötztaler Ache. Bis vor rund 50 Jahren waren alle drei am Inn weit verbreitet; heute stehen sie auf der Roten Liste.

Das ist mehr als eine Meldung für Entomologen – es ist eine Meldung über den Zustand des Flussbetts, und damit über die Grundlage unserer Fischerei.

Die drei Verlorenen

Die drei am Inn verschollenen Arten und ihre Lebensraumanforderungen:

  • Türks Dornschrecke (Tetrix tuerki)
    • feuchte Kies-Sand-Gemische, kaum Bewuchs, volle Besonnung
  • Kiesbank-Grashüpfer (Chorthippus pullus)
    • Pionierflächen und lückige Uferfluren, Eiablage in kiesig-sandigem Boden
  • Gefleckte Schnarrschrecke (Bryodemella tuberculata)
    • großflächige Kiesbänke mit Deutscher Tamariske, Weiden, einzelnen Kiefern

Alle drei sind Spezialisten für offene, frisch umgelagerte Kies- und Sandflächen, die bei uns im Inntal leider kaum mehr auftreten. Vergleiche den Post zur Renaturierung von Geschiebe und Habitat.

Das eigentliche Problem

Dem Inn fehlt schlicht der Platz. Ohne Raum für Umlagerung und Geschiebe (Kies, Sand, Steinen) kommt es zur Sohleintiefung  anstatt zur Bildung von Kiesbänken. Die wenigen die Entstehen sind zum einen oft durch Feinsediment zugesetzt, was die Lebensraumqualität mindert. Außerdem werden sie, verständlichweise von Fischen und anderen Flussliebhabern stark frequentiert.

Genau diese offenen Kiesflächen sind auch unsere Laich- und Jungfischhabitate – nur eben zu einer anderen Jahreszeit und Wasserstand.

Fischen mit Grashüpfer-Mustern

Glücklicher weise gibt es noch andere Grafhüpfer, die ab und an ins Wasser geweht werden und die man z.B. mit den folgenden Mustern immitieren kann:  Stimulator Olive, Orange Bitch Creek.

  • Wann? Ende Juni bis Anfang Oktober, Schwerpunkt August/September. Am besten mittags und am frühen Nachmittag, nicht in der Dämmerung.
  • Größen. Haken 8–6, lang, für die großen Schnarrschrecken; Haken 12–14 für Kiesbank-Grashüpfer-Format und gängige Wiesenarten.
  • Wie fischen. Ruhig hart aufklatschen lassen – anders als bei Wasserinsekten darf der Hopper in jede Richtung treiben, auch quer oder schleifend. Auch die Flussmitte abdecken, nicht nur den Uferbereich.

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Vom Kiesel zur Au – mein Besuch beim INN DIALOG 2026

Vom Kiesel zur Au – mein Besuch beim INN DIALOG 2026

Julian Huber Bericht vom INN DIALOG 2026 in Innsbruck: Geschiebe-Studie, Laichplatz-Management und Amphibienschutz am Tiroler Inn – und was das für Fischer heißt.

Am 21. Mai war ich beim INN DIALOG 2026 in Innsbruck. Das Motto stand schon auf dem Plakat: „Vom Kiesel zur Au – Gemeinsam den Stein ins Rollen bringen." Klingt nach Fluss-Romantik, war in großen Teilen aber eine sehr kompetente Fachtagung. Es ging um Renaturierung, Geschiebemanagement, Laichhabitate, Restbestände wilder Fische – exakt das, worum es uns bei Fliegenfischen mit Herz geht.

Wem das zu viel Text ist, kann sich die folgenden zehn Kurzfilme zum Projekt anschauen:

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Worum geht's bei INNsieme connect überhaupt?

INNsieme connect ist die Fortsetzung des Projekts INNsieme (2019–2022), ermöglicht durch die Kofinanzierung der Europäischen Union im Rahmen des Förderprogramms Interreg Bayern-Österreich sowie durch die Förderung durch das Land Tirol. Um dem Inn gerecht zu werden, ist das Projekt grenzüberschreitend angelegt. Projektpartner aus Tirol, Bayern und dem Schweizer Engadin sitzen am selben Tisch und arbeiten an drei Schienen: Artenschutz, Wiederherstellung ökologischer Netzwerke und Kommunikation. Der Inn wird als ein zusammenhängender Lebensraum gedacht, nicht als Aneinanderreihung von nationalen Flussabschnitten.

Der erste Tag war eine Konferenz in der Villa Blanka am Innsbrucker Hang. Das Eventcenter sitzt schön über der Stadt, sodass man, während man über Renaturierungs-Visionen diskutierte, auf die verbaute Realität des Inns blicken konnte. In der Folge möchte ich die für mich interessantesten Inhalte kurz wiedergeben.

EU-Recht im Fluss – Marlene Schaffer (ÖKOBÜRO)

Den Aufschlag machte die Umweltjuristin Marlene Schaffer vom ÖKOBÜRO mit dem Rechtsrahmen. Klingt trocken, war aber einer der erhellendsten Beiträge, weil hier sichtbar wird, warum sich am und um den Inn so wenig bewegt.

Um das Ganze grundlegend zu verstehen, versuche ich mich an einer kurzen, sicher nicht ganz korrekten Wiedergabe: Die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) ist seit 2000 EU-Recht und macht diverse Vorgaben, um gute ökologische Zustände in unseren Gewässern zu erreichen. Die Mitgliedstaaten müssen dieses Ziel bis 2027 erreichen. Eigentlich schon früher, aber Österreich hat schon zwei Mal Verlängerungen der Frist beantragt.

Die Richtlinie wird in Österreich juristisch im Wasserrechtsgesetz umgesetzt. Besonders wichtig ist § 30a mit dem Verschlechterungsverbot und Verbesserungsgebot. Grundsätzlich dürfen keine Maßnahmen – z. B. Hochwasserschutz und Kraftwerksbau – den ökologischen Zustand verschlechtern, und sie sollten immer so erfolgen, dass durch Ausgleichsmaßnahmen oder gute Planung der Zustand verbessert wird.

Wie schwer es diese gute Absicht jedoch in der Praxis hat, zeigt die Genehmigungslogik beim Kraftwerksbau (§ 104a). Hierbei werden öffentliche Interessen geprüft, und Klimaschutz bzw. erneuerbare Energie kann ein „überragendes öffentliches Interesse" darstellen. In diesem Fall kann dann § 30a ausgehebelt werden.

Can we go wild again? Die Geschiebe-Habitat-Studie

Für mich das Highlight des Tages. Ueli Schälchli (Flussbau AG) und Peter Rey (HYDRA Institut) haben die Ergebnisse der Geschiebe-Habitat-Studie zur freien Fließstrecke des Tiroler Inns präsentiert und damit zum ersten Mal seriös durchgerechnet, was möglich wäre. Untersucht wurde die rund 120 km freie Fließstrecke von Imst bis Wörgl.

Um zu verstehen, wo wir her kommen und hin wollen vorab ein bisschen Theorie aus Schälchli 2021. Das Diagramm auf der linken Seite zeigt wie viel Platz der Fluss für seine Wassermenge hat und wie viel grobes Geschiebe er mit sich trägt. Konkret sehen wir nach oben die Breite im Verhältnis zur Tiefe. Je mehr Platz ein Fluss in die Breite hat, desto eher verzweigt er sich. Nach rechts die ist die Tiefe in Verhältnis zum Korndurchmesser der Steine der Sohle eingezeichnet.   Links finden wir kleine steile Gebirgsflüsse, die sich selten verzweigen. 

Rechts sind fünf Flusstypen eingezeichnet, die dabei entstehen. Der Tiroler Inn war im Naturzustand Typ 1 und 2 (ganz oben). Wir kennen mangels Breite und Geschiebe nur noch Typ 5.

Ausreichende Breite auf ausreichender Länge fehlt heute praktisch vollständig, da der Inn in ein enges Korsett gezwängt ist. Die Sohlenbreite ist auf ein Drittel bis die Hälfte des Ursprungs eingeschränkt und kaum noch variabel. Ganz breite Stellen bis 300 m, die früher die Hotspots der Diversität und die Kernlebensräume waren, gibt es heute nicht mehr. Bitter dabei: Selbst die Schutzgebiete sind heute weit vom ursprünglichen Zustand entfernt. Die eigentlich typische, vollständig ausgeprägte Auenlandschaft mit vielen Inseln und Auwald im Flutbereich fehlt. Genau diese, z.B. bei der renaturierten Stelle in Telfs angedeutet,  benötigen aber viele Arten im und am wasser.

Beim Geschiebe ist das Bild ähnlich: Die großen Zubringer liefern viel zu wenig, die Fracht liegt bei etwa 60 % des Naturzustands, mit dem größten Defizit im unteren Bereich. Und je weniger Geschiebe, desto weniger verzweigt der Fluss, selbst wenn er ausreichend Breite hätte. Für eine natürliche Morphologie bräuchte es laut Studie eher 65–75 %. Das klingt immerhin nicht unerreichbar.

Konkret hat das Team 24 mögliche Aufweitungen identifiziert, davon drei als große Kernlebensräume. Diese Aufweitungen würden bisher landwirtschaftlich genutzte Flächen beanspruchen. Besonders wichtig sind die Kernlebensräume mit mehreren hundert Metern Breite und bis zu 5 km Länge. Diese werden benötigt, damit sich die Gestalt des renaturierten Flusses mit Kiesbänken und Auwald ausprägen und sich ausreichend große Quellpopulationen an Tieren und Pflanzen langfristig ansiedeln können. Von dort aus können sich stabile Gesamtpopulationen in Verbindung mit den 21 kleineren Aufweitungen ergeben und sich über die gesamte Strecke verteilen.

Der Clou: Der Hochwasserschutz würde dabei eher besser, nicht schlechter. Selbst mit höherer Sohlhöhe und mehr Geschiebe wurden geringere Hochwasserspitzen als im jetzigen Zustand errechnet.

Und was das für uns Fischer bedeutet, zeigt der Blick ins Oberengadin, wo so etwas schon existiert: Im Vergleich zu einer kanalisierten Strecke gab es dort nach der Renaturierung 2,5- bis 5-mal so viele Bachforellen, bei der Äsche sogar das 5- bis 20-Fache. Profitieren würden vor allem auch Barbe und Nase und andere Vertreter der Barbenregion, die es leider im Tiroler Inn kaum noch gibt.

Fischökologisches Management Hand in Hand mit Kraftwerksbetreibern und Hochwasserschutz

Der Vortrag „Fischökologisches Management in alpinen Flüssen" kam von Julius Gorenz (TU München) und Johannes Wesemann (VERBUND Innkraftwerke). Kieslaicher wie Bachforelle, Äsche und Nase legen Eier ab, aus denen Larven im Kies heranwachsen. Dafür brauchen sie schnell überströmte Bereiche mit grobem Kies, der nicht von Feinsediment verschlossen ist. Dass es genau diese Bereiche kaum noch gibt, ist eines der größten Hindernisse für natürliche Reproduktion am Inn (Spindler & Wintersberger 2005).

Die Lösung ist die Bereitung solcher Kiesauflagen durch Einbringen von Kies oder das Umgraben und Ausspülen der Feinsedimente. Beispiele hierfür finden sich auch beim Tiroler Fischereiverband. Solche Eingriffe müssen im Februar für die Frühjahrslaicher bzw. von August bis Oktober für die Bachforelle durchgeführt werden. Hierdurch kann die heimische Population unterstützt und Besatz vermieden werden.

Die Wirksamkeit wurde im Projekt durch 28 Pilotflächen von Stams bis fast Passau belegt. Laichflächen wurden mittels Driftstudien untersucht. Das sind feine Netze, die die Fischlarven aus der Strömung unterhalb der Laichplätze aufsammeln. Hierdurch lassen sich unveränderte Standorte und künstliche Laichplätze vergleichen.

Die Artenzusammensetzung und Produktivität ist im betrachteten Bereich sehr unterschiedlich: in Stams wurden nur drei Arten erfasst (Nase, Äsche, Koppe), in Ering flussab schon 17. Zudem zeigte sich: Laichplatz-Management wirkt stark, muss aber jährlich wiederholt werden, weil sich frisch eingebrachter Kies sonst schnell wieder zusetzt (Stichwort Kolmation – der Verschluss der Porenräume durch Feinsediment, den man durch Auflockern mit Bagger plus Kieszugabe lösen kann). Am schlauesten ist es, das in bestehende Maßnahmen zu integrieren: Wenn der Bagger des Kraftwerksbetreibers ohnehin eine Kiesfalle in einem Nebengewässer räumt, kann er einen kleinen Teil des Substrats gleich am richtigen Platz wieder einbauen. Ansonsten bleibt nur der schweißtreibende Einsatz mit Spitzhacke und Schaufel, wie es der Huchen-Franz Keppel seit Jahren für den Huchen an der Mur praktiziert.

Es gibt aber auch klare Grenzen: Wo Schwall und Sunk herrschen, hilft das alles nichts – Beispiel Ziller. Was öfter trockenfällt oder zu warm wird, ist tot. Eier überleben zwar ein kurzes Trockenfallen, wenn es feucht und kühl bleibt – aber über 18 °C plus Trockenfallen ist es vorbei.

Wesemann hat dann die VERBUND-Perspektive aus dem Stauraum eingebracht: Kufstein ist der Kipppunkt. Ab dort wird Geschiebe nicht mehr weitertransportiert, es kommen nur noch Feinsedimente an, Kiesbänke werden rar. Stauräume sind schwierige Lebensräume, die häufig nur als größerer Angelteich mit starkem Besatz bewirtschaftet werden. Die Frage ist deswegen, wie man dort im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie Ersatzlebensräume schafft und gleichzeitig den Stauraum für die Kraftwerksbetreiber erhält. Diese haben eine Unterhaltsverpflichtung, die Natur- und Artenschutzbelange ausreichend berücksichtigen muss. Maßnahmen im Gewässer müssen vorher von der zuständigen Behörde genehmigt werden. Hier tut sich der VERBUND leichter, wenn nötige Eingriffe, z. B. das Freischaufeln von verlandeten Bereichen, gleich mit Strukturverbesserungen wie Laichplätzen und Kiesbänken vereinigt werden. Das spart Kosten und erleichtert die Genehmigungsverfahren, die in diesem Fall gleich von der TU München für die ökologische Kompetenz begleitet wurden. Nicht nur Dienst nach Vorschrift, sondern ein sinnvolles Konzept. Die vielen Maßnahmen auf der Maßnahmenkarte des Projektes zeigen, was durch starke Partnerschaften kosteneffizient erreicht werden kann.

Den Abschluss der Session machte Fabian Scheeder als Tourismusmanager der Gemeinde Bever mit der Revitalisierung der Innauen bei Bever im Oberengadin. Auch hier war der Auslöser eine wasserbauliche Notwendigkeit und die Revitalisierung die rationale Entscheidung: Marode Dämme mussten ohnehin saniert werden. Aus der Notwendigkeit wurde eine Revitalisierung ausgehend von einer komplett kanalisierten Strecke. Dasselbe Muster wie zuvor: Naturschutz gelingt dann, wenn er an eine ohnehin anstehende Maßnahme andockt. Dass das Projekt nun unter der Schirmherrschaft des Tourismusmanagements steht, zeigt zudem, dass hier nicht nur Lebensräume für Tiere und Pflanzen, sondern auch lebenswerte Orte für Zweibeiner geschaffen werden.

Ernüchterndes aus dem Reich der Amphibien

Jetzt wurde es düster. Florian Glaser – Biologe und Amphibienexperte – fragte „Last frog standing?" und legte den Status quo der Amphibien im Tiroler Inntal auf den Tisch. Der Grasfrosch war früher eine Grünlandart, man konnte ihn zu Tausenden auf Wiesen und Weiden als Nahrungsmittel sammeln. Mit der Mechanisierung der Mahd kippte das. Zunächst waren zu viele Kadaver im Schnitt, das Heu verfaulte. Heute kein Problem mehr, man findet auf keiner Wiese mehr einen Frosch.

Schon die letzte große Erhebung vor 30 Jahren war ein Armutszeugnis. Seitdem hat sich die Grasfrosch-Population mehr als halbiert. Anspruchsvollere Arten stehen noch schlechter da, im Auenbereich des Inns ist faktisch nichts mehr. Bei der aktuellen Bedrohung steht beim Grasfrosch die Frühjahrstrockenheit im Vordergrund (die Laichgewässer fallen zu schnell trocken), bei der Erdkröte ist die Ursache unklarer. Engagierte Leute behelfen sich mit Kunststoffwannen als Ersatz-Laichgewässer. Eine traurige Analogie zum Laichplatzmanagement mit Spitzhacke und Bagger.

Genau da setzte Ilse Englmaier (Fau/Na Büro) mit der „mühsamen Suche nach der Gelbbauchunke im bayerischen Inntal südlich von Rosenheim" an. Amphibien-geeignete Kleingewässer werden oft mit Goldfischen besetzt und müssen wieder fischfrei gemacht werden. Dazu Probleme, an die man nicht sofort denkt: Hunde mit Zeckenschutz- und Flohmitteln, die in den Tümpeln baden und das Wasser vergiften. Unrühmliches Negativbeispiel: Ein Fischereiverein hat ein Amphibienbecken mit Regenbogenforellen besetzt. Ihr Kernpunkt: Weil die Flussdynamik fehlt, entstehen keine neuen fischfreien Gewässer mehr – und die Lurche brauchen genau die. Hiermit schließt sich der Kreis zur Geschiebe-Habitat-Studie. Der Inn braucht wieder die Chance, Lebensräume zu schaffen.

Einen versöhnlichen Abschluss gab es mit Dorena Buchmeier (Naturium am Inn) und Wolfgang Bacher (Verein natopia): Die beiden bilden INN-Guides aus und holen unter anderem über Schulexkursionen die nächste Generation an den Fluss.

Mein persönliches Fazit

Wenn ich den Tag in einem Satz zusammenfassen müsste: Die globalen Probleme haben sich seit der Studie INN 2000 (vgl. Spindler & Wintersberger 2000) kaum verändert. Im Tiroler Inn sind noch immer kaum Arten zu finden, die dorthin gehören. Weder im Wasser (Regenbogenforelle als Leitfisch?) noch in den fehlenden Auen. Es gibt ein zaghaftes Comeback der Nase, doch das Zusetzen der Sohle mit Feinsediment verhindert weiterhin Laich und Insektenproduktivität. Im Oberlauf drücken weiter Schwall und Sunk. Immerhin sieht man auf der  Massnahmenkarte des Projekts einige lokale Ansätze.

Es würde auch im Großen gehen. Die Geschiebe-Habitat-Studie zeigt, dass mehr Raum und Geschiebe für den Inn die Ziele des Hochwasserschutzes und des Naturschutzes vereinen könnten. Auf dem Weg dahin braucht es vor allem Problembewusstsein und Vernetzung von Fachkompetenz. Wie es gehen kann, zeigen die VERBUND-Beispiele. Wenn der Bagger sowieso im Wasser arbeitet, kann er gleich einen Laichgrund aufschütten. In persönlichen Gesprächen, etwa mit Vertretern aus dem Hochwasserschutz, merkt man, dass Renaturierung längst als State of the Art gilt, dieser aber auch an anderen Fronten zu kämpfen hat. Deswegen klaffen zwischen Wasserbau, Ökologie und Fischerei noch immer Verständnislücken. Austauschformate wie der INN DIALOG sind deshalb genau richtig. Schade deswegen, dass die TIWAG sowohl im Projekt als auch bei der Veranstaltung durch Abwesenheit glänzt. Auch in der TIWAG gibt es sicherlich genug heimat- und naturverbundene Mitarbeitende, die gerne auch mal die ein oder andere Naturschutzmaßnahme unterstützen würden.

Der Inn braucht diese Hilfe: Im aktuellen Zustand geht es nicht ohne wiederkehrende Maßnahmen (Laichplatzbereitung und Co.), weil seine Regenerationsfähigkeit nicht mehr gegeben ist. Das ist im strengen Sinn nicht „nachhaltig", weil man immer wieder ran muss. Wenn wir das nicht tun, dann denken kommende Generationen, es sei normal, dass der Inn ein begradigter Angelteich mit Regenbogenbesatz und Steinpackungen als Ufer ist. Genau wie ich in keiner Wiese einen Grasfrosch mehr erwarte. Diese Verschiebung dessen, was wir als Normalzustand akzeptieren, ist der eigentliche Feind.

Zum Schluss noch mein Aufruf, mit einem kräftigen Augenzwinkern und doch ganz ernst gemeint: Wenn ihr Fische in Gewässern seht, in die sie nicht gehören – Goldfische im Amphibientümpel, Besatzforellen im Unken-Becken –, dann entnehmt sie. Wildnis verteidigt sich nicht von selbst.

Und ein herzliches Dankeschön  an alle Beteiligten des INNsieme connet Projekts für ihre Arbeit und die gelungene Konferenz. Dank auch an Inn-Fischer Sepp für die wunderschöne Fliege.

Referenzen

Schälchli, U. (2021). The influence of annual bedload on channel width. In Proceedings of the International Symposium on Bedload Management 2021, Interlaken, 8.–10. November 2021 (S. 44–47). Wasser-Agenda 21 & Bundesamt für Umwelt (BAFU). https://doi.org/10.3929/ethz-b-000513098

Spindler, T., & Wintersberger, H. (2005). Einfluss der Wasserkraftnutzung auf den fischökologischen Zustand des Tiroler Inn. Natur in Tirol – Naturkundliche Beiträge der Abteilung Umweltschutz, 12, 94–105. https://www.zobodat.at/pdf/Natur-in-Tirol_12_0094-0105.pdf


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